Wie sich die europäische Cyber-Bedrohungslage im Jahr 2026 darstellt

Cyber-Bedrohungen existieren nie im luftleeren Raum. Sie entwickeln sich parallel zu geopolitischen Entwicklungen, Regulierungen, wirtschaftlichen Prioritäten und technologischem Reifegrad. Das bedeutet, dass die Cyber-Bedrohungslage in einer Region selten genauso aussieht wie in einer anderen.

Es gibt gute Gründe, die Cyber-Bedrohungslage ausschließlich aus europäischer Perspektive zu betrachten. Europäische Unternehmen unterliegen ähnlichen regulatorischen Anforderungen, agieren in eng vernetzten Lieferketten und befinden sich in einem zunehmend angespannten geopolitischen Umfeld, das staatlich unterstützte Cyber-Aktivitäten aus Russland, China und anderen Ländern einschließt.

Cyber-Bedrohungslage

Zu verstehen, wie diese übergeordneten Dynamiken Cyber-Bedrohungen in der Region beeinflussen, hilft Unternehmen, eine entscheidende Frage zu beantworten: Welche Arten von Angriffen sind derzeit am wahrscheinlichsten gegen europäische Organisationen gerichtet – und warum?

Bedeutende Cyber-Bedrohungen in Europa

Um zu verstehen, wie die Cyber-Bedrohungslage für europäische Unternehmen im Jahr 2026 aussieht, ist es hilfreich, mit einem umfassenden Überblick über die Bedrohungsmuster der Region zu beginnen. Daten der ENISA, die die Bedrohungslage im Jahr 2025 analysieren, zeichnen ein klares Bild: Angriffe auf die Systemverfügbarkeit sind mit Abstand die häufigste Art von Cyber-Vorfällen in der EU.

Laut dem aktuellen Bericht der ENISA zur Bedrohungslage machten DDoS-Angriffe 76,7% der erfassten Fälle aus. Diese Zahl bedarf jedoch einer Einordnung: Die Kategorie wird überwiegend durch Aktivitäten von Hacktivisten bestimmt, wobei die meisten dieser Angriffe ideologisch motiviert sind und nicht auf klassische finanzielle Cyberkriminalität zurückgehen.

Das ist bedeutsam, weil eine Region in den Rohdaten von „Verfügbarkeits“-Vorfällen dominiert erscheinen kann, während die operativ schädlicheren Bedrohungen an anderer Stelle liegen. Die ENISA-Daten zeigen, dass Phishing und andere Social-Engineering-Techniken weiterhin den Hauptangriffsvektor darstellen – sie machen etwa 60% der beobachteten Fälle aus, während die Ausnutzung von Schwachstellen 21,3% beträgt.

Eindringversuche haben zudem weiterhin schwerwiegende Folgewirkungen. Die ENISA stellte fest, dass 68,6% der dokumentierten Eindringversuche zu Datenpannen führten, die anschließend in kriminellen Foren veröffentlicht wurden – ein deutliches Zeichen dafür, wie eng moderne Angriffe mit dem Diebstahl monetarisierbarer Daten verknüpft sind. Ransomware bleibt ein zentrales Element der europäischen Bedrohungslage und ist maßgeblich für diese Folgewirkungen verantwortlich. Obwohl die Taktik bekannt ist, nehmen Umfang und Professionalisierung weiter zu.

Europa ist für Ransomware-Akteure besonders attraktiv geworden – unter anderem aufgrund der hohen Dichte an Industrieunternehmen und strengen Datenschutzgesetzen, die den Druck auf Opfer erhöhen, wenn Daten gestohlen werden.

Ein Blick auf länderspezifische Trends liefert zusätzliche Erkenntnisse. Eine Analyse von Cyble zur europäischen Bedrohungslage 2025 ergab, dass Deutschland das am häufigsten angegriffene Land in der Region ist. Die industrielle Wirtschaft, dichte Lieferketten und die große Zahl mittelständischer Unternehmen (der „Mittelstand“) schaffen eine breite Angriffsfläche, die Cyberkriminelle zunehmend auszunutzen versuchen.

Von Produktionsanlagen über Logistiknetzwerke bis hin zur öffentlichen Infrastruktur – die Fähigkeit, Systeme zu stören (und diese Störung anschließend zur Erpressung zu nutzen), ist ein prägendes Merkmal der europäischen Bedrohungslage.

Wichtige Bedrohungsgruppen, die europäische Unternehmen ins Visier nehmen

Statistiken zu Ransomware und Eindringversuchen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Hinter vielen der Vorfälle, die europäische Organisationen in den letzten Jahren betroffen haben, stehen relativ wenige, aber etablierte Cybercrime-Gruppen. Insbesondere mehrere Ransomware-as-a-Service-(RaaS)-Operationen sind zu dauerhaften Bedrohungen für europäische Unternehmen, Infrastrukturanbieter und öffentliche Institutionen geworden.

Qilin

Diese Gruppe setzt auf Double-Extortion-Taktiken: Zuerst werden sensible Daten gestohlen, anschließend werden Systeme verschlüsselt, um die Opfer unter Druck zu setzen. Die Malware wurde in Sprachen wie Go und Rust geschrieben, was es ermöglicht, verschiedene Umgebungen anzugreifen – darunter Windows und virtualisierte Infrastrukturen.

Der Erstzugriff erfolgt häufig über Phishing, kompromittierte Zugangsdaten oder exponierte Fernzugriffsdienste. Danach eskalieren die Angreifer ihre Rechte und bewegen sich lateral durch das Netzwerk, bevor sie die Ransomware ausführen. Europäische Organisationen – insbesondere aus dem Gesundheitswesen, der Industrie und dem Finanzsektor – zählen regelmäßig zu den Opfern von Qilin.

Akira

Akira trat 2023 erstmals in Erscheinung und hat seither weltweit Hunderte Unternehmen angegriffen. Wie Qilin arbeitet auch Akira nach dem Double-Extortion-Modell: Daten werden gestohlen, bevor Systeme verschlüsselt werden, um den Druck auf die Opfer zu erhöhen. Die Angriffe beginnen typischerweise mit kompromittierten VPN-Zugangsdaten, exponierten Remote-Desktop-Diensten oder Schwachstellen in öffentlich zugänglicher Infrastruktur.

Einmal im Netzwerk, setzen Akira-Akteure stark auf sogenannte „Living-off-the-Land“-Techniken – also den Missbrauch legitimer Systemwerkzeuge für bösartige Zwecke. Sie nutzen administrative Tools, um sich lateral zu bewegen und einer Entdeckung zu entgehen. Diese Taktiken machen die Gruppe besonders schwer erkennbar in der frühen Phase eines Angriffs. Akira hat Organisationen aus zahlreichen Branchen ins Visier genommen, darunter Industrie, Gesundheitswesen, Bildung, Finanzwesen und IT-Dienstleistungen. In Europa sind diese Branchen stark über Lieferketten miteinander vernetzt.

SafePay

SafePay ist eine relativ neue Ransomware-Gruppe, die sich nach ihrem ersten Auftreten im September 2024 rasch ausgebreitet hat. Die Gruppe scheint stark auf gültige Zugangsdaten zu setzen – vermutlich aus Darknet-Marktplätzen – und nutzt diese, um über VPN-Gateways und häufig auch RDP auf Opfer zuzugreifen.

Einmal im Netzwerk, deaktivieren SafePay-Akteure Berichten zufolge Schutzmechanismen wie Windows Defender mithilfe von LOLBins und schreiten dann rasch zur Verschlüsselung. SafePay zeigt eine besondere Aktivität in den USA, Großbritannien und Deutschland. Tatsächlich waren im ersten Quartal 2025 24% aller gemeldeten Ransomware-Opfer in Deutschland mit SafePay verbunden.

Z-Pentest Alliance

Die Z-Pentest Alliance unterscheidet sich deutlich von typischen, finanziell motivierten Ransomware-Gruppen. Es handelt sich um eine Gruppierung, die Hacktivismus, psychologische und disruptive Taktiken kombiniert – mit einem besonderen Fokus auf kritische Infrastrukturen. Zielbranchen sind unter anderem Energie, Wasser- und Abwasserversorgung, industrielle Systeme, Öl sowie weitere kritische Infrastrukturen. Die Gruppe hat Unternehmen in Frankreich, Italien, Rumänien, Deutschland und Polen angegriffen.

Sie versucht, Zugang zu SCADA-Systemen (Supervisory Control and Data Acquisition), ICS (Industrial Control Systems) und OT-Umgebungen (Operational Technology) zu erlangen – darunter Systeme zur Wasserförderung, Gasfackelung und Ölförderung. Die „Allianz“ nutzt Social Engineering, greift auf geleakte Daten aus dem Darknet zurück, um gezielte Operationen vorzubereiten, und könnte Zero-Day-Schwachstellen ausnutzen, um kritische Systeme zu kompromittieren.

Vorbereitung auf die Bedrohungen, die Europa 2026 prägen

Die europäische Cyber-Bedrohungslage im Jahr 2026 spiegelt eine Konvergenz verschiedener Kräfte wider: Hacktivisten, die Abläufe stören wollen, organisierte Ransomware-Gruppen, geopolitisch motivierte Akteure und eine riesige Angriffsfläche durch digitale Lieferketten und vernetzte Infrastrukturen.

Verschiedene Bedrohungsakteure zeigen, wie finanzielle, ideologische und strategische Motive zunehmend im selben operativen Raum aufeinandertreffen. Und trotz der sich weiterentwickelnden Angreifer und immer ausgefeilteren Ransomware-Ökosysteme nutzen diese Gruppen weiterhin viele der gleichen grundlegenden Schwachstellen aus, die Organisationen seit Jahren plagen – etwa Social Engineering oder kompromittierte Zugangsdaten.

Für europäische Organisationen bedeutet das: Wer diesen Bedrohungen einen Schritt voraus sein will, muss genau verstehen, wie Angreifer vorgehen – und wo die eigenen Schwachstellen liegen.

Wenn Sie Unterstützung bei der Navigation durch diese Bedrohungslage benötigen, steht Ihnen das Cybersecurity-Team von DIESEC gerne zur Seite.
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